May 262018
 

Gibt es mal keinen Campingplatz in der Nähe oder das Wetter ist einfach zu nass zum Zelten, suche ich mir eine feste Unterkunft. Dabei bevorzuge ich einfachste Herbergen. Ganz unten in der Übernachtungsskala sind natürlich Mehrbettzimmer, gerne in einem Hostel. Seit ich aber mal in Armenien wegen meiner (angeblich!) ausgeprägten nächtlichen Geräuschentwicklung aus einem solchen Zimmer ausquartiert wurde, meide ich mit Rücksicht auf meine Mitschlafenden diese Unterkünfte.
Seitdem ist auf meinen Solo-Radtouren ein Einzelzimmer ohne Bad das bevorzugte Nachtquartier. Ich weiß, nicht Jedermanns Sache (und daher gibt es sie ja auch kaum noch), aber der Abenteuerfaktor ist einfach am höchsten.
So auch in San Sebastian. Online buche ich ein good old fashioned Einzelzimmer, Bad auf dem Flur, beste Innenstadtlage, billig dazu. Nur finden kann ich es erst gar nicht. An der angegebenen Adresse ein schönes großes Mehrfamilienhaus, eine Plaza davor, aber kein Hinweisschild, nichts. Ich frage in einer Bar. Der nette Wirt führt mich zu dem Klingelschild des Hauses. Von den x namenlosen Klingelknöpfen hat einer ein “P” angeklebt, dort ist es. Später erfahre ich, dass hier in Spanien nie Namensschildern an den Klingeln sind. Bei einem Mehrfamilienhaus wird die Etage angegeben, sowie ob die Wohnung dort z.B. links oder rechts liegt. Man muss also immer ganz genau wissen, wo jemand wohnt, um richtig zu klingeln. Das “P” ist schon das Höchste aller Gefühle.
Die Pension ist im dritten Stock. Ich klingel und werde abgeholt von einem jungen Mann im Studentenalter. Er heißt Mikel.
Das Zimmer ist schön, sogar mit einem kleinen Balkon. Es gibt einen Gemeinschaftsraum mit Küche. Hier kann man sich, wann immer man will, mit bereitgestellten Getränken, Kaffee und Kuchen versorgen. Der Raum hat einen kleinen Vorbau, wie ein Mini-Wintergarten in luftiger Höhe. Alles in allem ein sehr schönes Ambiente.
Ich komme mit Mikel ins Gespräch, er gibt mir Tipps für San Sebastian, ich frage ihn nach Details der Pension. Sie hat nur drei Gästezimmer (zwei davon mit Bad), belegt die halbe 3. Etage diese typischen Wohnhauses. Da will ich natürlich Genaueres wissen und das wird sehr interessant. Das Haus wurde um 1900 gebaut und die Pension ist die ehemalige Wohnung seiner Großmutter, die hier gelebt hat. Hier wurde der Vater geboren und an diesem Tisch, an dem wir gerade sitzen, hat Mikel als kleiner Junge mit seiner Oma Karten gespielt. Er hat noch ein Zimmer hier, neben meinem. Wie cool ist das denn? Zuhause in der Wohnung einer alten baskischen Familie. Mikel spricht natürlich baskisch und spanisch, aber in der Familie oder mit Freunden nur baskisch. Bei Unbekannten startet er mit baskisch und schaltet um auf spanisch, wenn nötig.
Und in der Schule? Man kann wählen, ob man auf eine Schule möchte, in der auf baskisch oder spanisch unterrichtet wird. 80% sind baskisch, 20% spanisch. In jedem Fall wird auch die jeweils andere Sprache gelehrt.
Nun aber genug gelernt für heute.
Auf mich wartet noch ein weiteres Highlight. Nein, diesmal nichts Kulinarisches oder Kulturelles. Ich muss noch Wäsche waschen, tägliches Ritual des Tourenradlers. Aber heute gibt es was Besonderes, wovon ich nicht geglaubt habe, dass es mir mal vergönnt sein würde. Man kennt das von den schönsten Urlaubsfotos aus Italien, Spanien oder Südfrankreich. Frischgewaschene Wäsche trocknet in luftiger Höhe über Straßen und Gassen. Heute ist meine mal dran. Schließlich habe ich einen Balkon mit hier obligatorischen Wäscheleinen längs des Geländers. Gar nicht so leicht, die Klamotten da aufzuhängen. Erstmal sollte man schwindelfrei sein. Sich im dritten Stock über die Balkonbrüstung zu beugen ist nicht jedermanns Sache. Dann muss man eine sichere Hand haben, denn wer will schon von dort oben sein Unterhemd oder Wäscheklammern auf die Köpfe der Passanten runtersegeln sehen?
Aber alles unfallfrei abgelaufen.
Und Goethe, was sagst Du nun?

„Es ist Andis Wäsche, Menschenskind!“