Apr 192013
 

Hier holt sich Dracula sein Bares Bechet, Rumänien

33. Reisetag

2372 Kilometer

Von Serbien kommend überquerte ich zuerst einen Zipfel der Südkarpaten, fuhr dann entlang der Donau durch das “Eiserne Tor”, den Durchbruch der Donau durch die Karpaten, um anschließend durch die Wallachei wieder zur Donau zu gelangen, über die ich mich nach Bulgarien verabschiedete.

Was mir zuerst in Rumänien auffiel, war der viele Müll am Wegesrand. Das habe ich in keinem anderen der Staaten Osteuropas gesehen, selbst bei einer früheren Tour in Russland nicht. Der Müll war scheinbar kein lokales Problem, denn er verfolgte mich über die komplette Strecke von fast 400 km in Rumänien. An vielen Stellen wird er einfach verbrannt, mit allem was dazugehört, Plastiktüten, Plastikflaschen, Styropor, usw.

Auch an die allgegenwärtigen Hunde musste ich mich erst gewöhnen. Die vielen Straßenhunde in erbärmlichen Zustand sind scheu, schreckhaft und tun nichts. Andere Hunde sind schon eher aggressiv und werden von Radlern gefürchtet.

Als nächstes für unsereins sehr ungewöhnlich, die Landwirtschaft. Keine großen Felder, selten mal ein Traktor. Die kleinen, oft unebenen Äcker werden überwiegend von Hand bearbeitet. Viele alte Frauen mit Schaufeln und Hacken sind hier zugange, Pferde ziehen Pflüge durch den Boden. Ich hatte in Ungarn bereits einen Pferdewagen gesehen, aber hier in Rumänien vergeht auf dem Land keine Minute, ohne dass man einen sieht.

Dann die Autos. Wenn man glaubt, dass hier nur alte Schrottkarren rumgurken ist man komplett falsch gewickelt. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ok, es gibt ein paar vereinzelte alte Dacias, die fallen jedoch kaum auf. Alle anderen sind relativ neu. Es gibt auffallend wenig Autos. Alte Mopeds sind ebenfalls Mangelware. In Serbien zum Beispiel habe ich erstaunlich viele Autos gesehen , die schon zu meiner Studentenzeit unterwegs waren , z.B. R4 von Renault und den Käfer, auch einige Trabis im Altagsgebrauch. Viele Mopeds stammten noch aus ostdeutscher Produktion, also Simsom und Schwalbe. Nichts dergleichen in Rumänien. Noch in den 80-er Jahren muss zumindest das ländliche Rumänien so gut wie Moped- und Auto-frei gewesen sein, ansonsten hätten noch ein paar mehr alte Schätzchen überlebt.
Auch heute noch kann sich kaum ein Normalbürger ein Auto leisten. Kein Wunder, die Spritpreise entsprechen, wie in allen Ländern, durch die ich bisher gekommen bin, ungefähr den unseren, aber die Einkünfte und sonstigen Lebenshaltungskosten sind nur ein Bruchteil von unseren. Für einen Kaffee habe ich letztens umgerechnet 20 Cent bezahlt.

Die Kleinstädte, in denen ich übernachtet habe, empfand ich als recht angenehm. Viel Platz für Fußgänger, wenig Autos und eine inzwischen gute Infrastruktur. Es ist unübersehbar, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den Städten stattfindet, wie bei uns in Ostdeutschland ja auch, aber die Entwicklung auf dem Land eher stagniert.

Das Dorfleben in Rumänien war für mich eine völlig neue Erfahrung. Dörfer kannte ich bisher entweder als rausgeputzt (“unser Dorf soll schöner werden”) oder relativ leblos, Stichwort Landflucht. Hier in Rumänien pulsiert das Leben auf dem Lande noch. Vor jedem zweiten Haus gibt es eine Sitzbank, auf der auch wirklich Leute sitzen. Bürgersteige gibt es nicht, alle laufen auf der Straße rum. In den Dörfern befinden sich meist mehrere Brunnen, die noch rege benutzt werden. Alte Omis, die zwei volle Wassereimer über die Straße schleppen sind keine Seltenheit. Die Häuser meist ärmlich, aber nicht vernachlässigt. Überall wird gewerkelt und gearbeitet, die Rumänen sind fleißig!
Ein Dorf mit einer Durchgangsstraße kann sich glücklich schätzen, denn diese ist asphaltiert. Alle davon abgehende Straßen sind unbefestigt. Ich habe Dörfer ohne eine einzige befestigte Straße gesehen.
Teppiche werden offensichtlich nicht gesaugt, denn allerorts sieht man, wie sie mitten auf der Straße geschrubbt und dann über den Zaun zum Trocknen aufgehängt werden. Läden aller Art, Schulen, Werkstätten, all das ist noch vorhanden.
Fährt man mit dem Fahrrad durch ein Dorf, kommt man sich vor, wie bei der Tour de France, wo alle am Straßenrand stehen und anfeuern. Wie viele Sprachen habe ich hier schon gehört? ” Bon Voyage, buon giorno, servus, sehr gut, hello, ciao, dobre” und vieles mehr. Gegrüßt und gewunken wird von allen Altersgruppen. Die Kinder erspähen einen schon von weitem und kommen zum Abklatschen, selbst auf dem Fahrrad.

Freundliche Menschen, eine grandiose Landschaft, gutes Wetter, Rumänien hat viel zu bieten, aber auch noch einen ganz, ganz langen Weg vor sich.

Und ehrlich gesagt, wenn ich König von Rumänien wäre, würde ich als erstes etwas einführen, was mit “Müll” anfängt und mit “abfuhr” aufhört!