Aug 142013
 

Meine Omi Buchara, Usbekistan

150. Reisetag

6788 Kilometer

Für meinen Aufenthalt in Buchara wird mir von anderen Radfahrern das Madina B&B empfohlen. Im Lonely Planet rangiert es in der Kategorie “Budget”, also billig. Eine Garantie dafür, hier viele Gleichgesinnte zu treffen.
Die Inhaberin Madina ist etwas speziell, sie hat etwas von Herbergsmutti: streng, geschäftstüchtig, aber auch sehr hilfsbereit. Sie ist noch recht jung, schwer zu schätzen, vielleicht Mitte 30. Ihre Kommandos sind kurz und knapp. Als wir ein Zimmer betreten, heißt es unmissverständlich: “Shoes off!”.
Jeder, der noch eine Nacht bleiben will, muss morgens zahlen. “This is my breakfast.”, so jedes Mal ihr Kommentar. Ihre Kundschaft sind Backpacker und Radreisende aus aller Welt, die meisten im Studentenalter. Madina hat alle und alles im Griff. Ich kann gut damit umgehen, unsere Mutter war genauso.
Es gibt nur Mehrbettzimmer und als ich ankomme, sind alle Betten belegt. Da bietet mir Madina an, gegenüber im Haus ihres Großvaters zu schlafen. Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen.
Wie meist hier in Usbekistan ist der Eingang zu dem Haus völlig unscheinbar. Eine schmucklose Metalltür in einer weißen Mauer. Dahinter aber, offenbaren sich zwei große Innenhöfe. In der Mitte jeweils ein Baum, es gibt Sitzmöglichkeiten. Auf einem vielleicht 50cm hohem Plateau sitzen zwei Frauen. Die eine ist Madinas Großmutter, die andere mir unbekannt. Sie lachen freundlich und winken, als wir eintreten. Madina zeigt mir meinen Schlafplatz. Ich würde mal sagen, es ist die gute Stube des Hauses. Im Sommer eher ungenutzt, liegen am Rand vier ausrollbare Matratzen, von denen ich mir eine aussuchen darf. Auf dieser wird für mich mit Bettlaken und Bettbezug das Lager gerichtet. Hier verbringe ich die nächsten Nächte.
Omi ist eine ganz Liebe. Jedesmal wenn ich komme oder gehe lächelt sie herzlich von ihrem Podest, auf dem sich den ganzen Tag ihr Leben abspielt. Hier wird gegessen, Besuch empfangen und den ganzen Tag erzählt. Ohne Unterlass.
Aber Omi wäre nicht die Großmutter von Madina, wenn sie nicht ebenfalls etwas von einem Kontrollfreak hätte. Schalte ich mal im Zimmer das Licht an, obwohl es draußen noch hell ist, kommt sie rein, schaltet es aus und zieht die Vorhänge zur Seite. Ein anderes Mal starte ich die Klimaanlage und denke nicht daran die Fenster zu schließen. Schon steht Omi auf der Matte und sorgt für Ordnung.
Jeden Abend wird mir mein Schlafplatz neu gerichtet und wenn Omi zu Bett geht, schaut sie nochmal bei mir vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Sie selbst schläft in einem kleinen Zimmer nebenan und hat sogar ein richtiges Bett.
Wenn ich aufstehe, ist sie immer schon wach und frühstückt in Gesellschaft auf ihrem Podest.
So vergeht Tag um Tag, Jahr für Jahr, und es wäre wohl bis ans Ende aller Zeit so weitergegangen, wenn nicht plötzlich ein Ereignis diese liebgewonnene Routine jäh unterbrochen hätte. Spätabends sitze ich gemütlich mit anderen Reisenden beim Bier gegenüber im Innenhof des B&B, als plötzlich eine polnische Familie eintritt. Sie ist mit Rucksäcken unterwegs und sucht eine Bleibe. Das B&B ist immer noch voll belegt, aber die geschäftstüchtige Madina schickt niemanden fort. Sie fragt mich, ob ich wohl in ein kleineres Zimmer umziehen könnte, damit die freundlichen Polen im Salon schlafen können. Kein Problem. Als ich zu meinem Zimmer komme, steht Omi etwas verloren und verschlafen im Nachthemd in der Diele. Madina hat mir einfach kurzerhand Omis Zimmer zugeteilt und Omi ist nun obdachlos. Sie tut mir leid. Madina richtet mir mein Lager auf dem Fußboden ein.
“Wo schläft Omi?”, frage ich.
“Die kann überall schlafen.”, antwortet Madina etwas gefühllos.
Ich mache mir Sorgen und habe ein schlechtes Gewissen.
Morgens dann, sehe ich Omi zum ersten Mal mit Strickjacke.
Da schenkt sie mir ihr herzliches Lächeln, ganz wie immer.
Ich bin erleichtert.
Danke Omi!