Apr 172013
 

Rumänische Bestie, dem nächsten Opfer auflauernd. Dubova, Rumänien

31. Reisetag

2117 Kilometer

Von Hundeangriffen auf Radfahrer hatte ich in Vorbereitung auf meine Tour schon einiges mitbekommen. Die Rede war von kilometerlangen Verfolgungen, Stürzen, Bissen, dem puren Horror. Grund genug also, sich mit diesem Thema eingehender zu beschäftigen.

Wäre doch gelacht, ihr kleinen Kläffer! Ihr habt zwar schnelle Beine und scharfe Zähne, aber wir haben das Internet! Dort findet sich alles Mögliche zur Abwehr von Hundeattacken.

Gern empfohlen werden verschiedene Formen von Reizgas. Für einen alten Anti-AKW-Demonstranten kommt sowas natürlich überhaupt nicht in Frage. Gewaltfreier Widerstand!

Andere versuchen es auf eine sich anbiedernde Art und Weise, indem sie Leckereien mitführen, um die Bestien damit zu besänftigen. Da locke ich die Viecher womöglich noch an und werde sie gar nicht mehr los. Völliger Blödsinn.

Immer wieder auch der Tipp, einen Stock mitzuführen, um damit auf die Angreifer einzudreschen. Nix da, ich will Frieden schaffen ohne Waffen. Ein Stock kommt für mich überhaupt nicht in Frage, ich nehme Steine!

Am logischsten erscheint mir folgendes Verhalten. Der Jagdtrieb der lieben Kleinen wird in erster Linie durch das Pedalieren angeregt, also einfach mit dem Strampeln aufhören. Dann verlieren sie ihr Interesse. Gerne darf noch ein Stein geworfen werden, dann bekommen sie Angst, die Feiglinge. Im Zweifelsfalle einfach stehenbleiben.

Soweit die Theorie. Zeit für einen Praxistest. In ungarischen Dörfern gibt es in jedem Haus mindestens einen Hund, aber immer schön hinterm Zaun. Hier ist man sicher. Als ich eine kleine Pause einlege, kläffen mich gleich drei Eingesperrte mit unglaublichem Durchhaltevermögen an. Prima Möglichkeit die Steinemethode auszuprobieren. Einfach mal einen Kiesel gegen das Gitter (nicht gegen den Hund!) geknallt, sie gehen wahrhaftig stiften. Da bin ich schon etwas erstaunt. So einfach ist das?

In Rumänien dann der erste Angriff. Plötzlich sind zwei kleine Kläffer hinter mir her. Da merke ich, dass auch wir Menschen instinktgetrieben sind. Entgegen aller Vorbereitung gebe ich richtig Gummi und trete so die Flucht an. Erst bleiben sie noch dran, dann geben sie auf. Hat zwar auch funktioniert, aber bergauf oder bei größeren Hunden, kein Chance. Ich stopfe meine rechte Hosentasche mit Steinen voll.

Beim nächsten Mal sehe ich schon von Weitem ein mittleres Kaliber auf mich warten. Ich trete ordentlich in die Pedalen, um Fahrt aufzunehmen. Dann läuft der Kerl laut bellend und zähnefletschend auf mich zu. Ich höre mit der Strampelei auf, Füße hoch, das Tier nun hinter mir, dranbleibend. Also Stein aus der Tasche und auf den Boden (nicht auf den Hund!) geknallt. Damit hat er nicht gerechnet, er gibt auf.

Jetzt werde ich übermütig! Warum warten, bis sie mich angreifen? Ich versuche einen Präventivschlag! Da hinten ist schon wieder einer. Gute Gelegenheit. Noch in sicherer Entfernung entnehme ich meinem gut gefüllten Magazin ein Wurfgeschoss und werfe es in Richtung des Tieres (nicht auf das Tier!). Verdammt, das war keine gute Idee. Das hat ihn erst so richtig angestachelt. Jetzt hetzt er auf mich zu, ich krieg ordentlich Schiss. Hallo, war doch gar nicht böse gemeint. Ich will ja nur spielen. Da bleibt er plötzlich stehen, wie um mir zu sagen: “Mach das bloß nicht nochmal, Kleiner!”. Ok, die Lektion habe ich verstanden.

Ich strecke die Waffen und entledige mich meiner Steine. Von nun an bin ich komplett gewaltfrei unterwegs. Seitdem habe ich alle Attacken einfach ohne zu treten ausgerollt. Einmal am Berg musste ich absteigen. Da sind sie sofort stehengeblieben und ich bin gaaanz langsam davongeschoben. Alles gut.

Aber den kreativsten Vorschlag zur Hundeabwehr habe ich nicht aus dem Internet, sondern – man mag es kaum glauben – von der tierliebsten Person, die ich kenne. Ich solle mir doch eine zweite Fahrradkette besorgen, diese neben mir wie einen Propeller rotieren lassen und so die Bestien erledigen! Man stelle sich das mal vor. Durch Helm und Fahrradkleidung falle ich eh schon überall auf wie ein Außerirdischer. Wenn ich dann noch ketteschwingend in Wildwest-Manier durch das rumänische Dorf reite und ein Gemetzel unter den einheimischen Vierbeinern anrichte, das könnte für Verstimmung unter der anwesenden Bevölkerung sorgen.

Das mache ich nicht. Ich habe Stil. Ich kaufe mir einen Poloschläger!