Apr 232013
 

Verladerampe im Hochwasser der Donau Stara Zagora, Bulgarien

38. Reisetag

2574 Kilometer

Ich übernachte unweit der Fähre, die mich von Rumänien nach Bulgarien bringen soll. Meine letzten rumänischen Leu habe ich in einem kleinen Minimarket in Kaffee und Reiseproviant investiert, nun kann es weiter gehen.

Erst als ich an der Fähre angekommen bin, bemerke ich, dass ich ja noch Leu für die Überfahrt benötige. Verdammt, das ärgert mich. Dazu muss ich erwähnen, dass ich im Ausland folgendes Prinzip beherzige: ich esse das lokalen Essen, ich trinke das lokale Bier, ich zahle in der lokalen Währung. Mir fällt das leicht, denn ich verfüge über einen Magen wie ein Pferd, habe nie verstanden, warum die Deutschen so stolz sind auf ihr Bier, andere Länder habe auch klasse Biere und ich kann ganz gut Kopfrechnen.

Aber jetzt stehe ich vor dem Kassenhäuschen der Fähre und muss in Euro bezahlen. Das ist in keinem der Länder durch die ich bisher gefahren bin ein Problem. Im Gegenteil, oft sind z.B. die Zimmerpreise nur in Euro ausgeschildert und nicht in der Landeswährung. Mir gefällt sowas nicht. Aber jetzt bleibt mir für meine letzte Transaktion in Rumänien nichts anderes übrig. Die Fährfahrt kostet drei Euro. Ich bezahle mit einem Zehn-Euro-Schein und bekomme wie selbstverständlich einen Fünf-Euro-Schein und eine Zwei-Euro-Münze wieder. Dazu gibt es eine Quittung, ebenfalls in Euro ausgestellt. Da bin ich schon etwas verwundert, denn Rumänien ist von der Einführung unserer tollen Gemeinschaftswährung offiziell noch weit entfernt, praktisch haben sie sie fast schon.

Weiter geht es vorbei an einer wartenden Schlange von Lastwagen direkt zum Fähranleger. Dort finde ich eine einsam mitten im Wasser liegende Rampe vor, an der die Fähre vermutlich anlegen wird. Wie bitteschön soll ich da denn hinkommen? Als dann die Fähre kommt, stellt sich heraus, dass sie einen eigenen Ausleger hat, der noch weiter hinten im Wasser landet. Während der Wartezeit komme ich mit vier netten Rumänen ins Gespräch, von denen zwei einen offensichtlich verunfallten Transporter auf einem Anhänger werweißwohin überführen. Kurzerhand packen alle mit an und mein Fahrrad samt Gepäck wird auf die Ladefläche des Transportes auf dem Anhänger gehievt. Oben drauf ist es so wackelig, dass ich das Fahrrad lieber hinlege. Ich selbst passe noch in die Fahrerkabine mit rein. So klappt es mit der Fährfahrt.

Die Grenzabfertigung problemlos, an die kyrillische Schrift konnte ich mich in Serbien schon gewöhnen. Und anders als beispielsweise in Russland ist Bulgarien eher “zweischriftig”.

Dann der erste Platten. Auf einer Baustelle in einem Dorf macht es plötzlich peng und zisch, das war’s. Beim ersten Mal etwas aufwändig, das ganze Gepäck runterzuladen, später gewöhnt man sich dran… Bald kommt ein Bulgare mit Flickzeug in der Hand aus dem Haus. Ich bedanke mich herzlich, benötige es aber nicht, weil mein Flicken schon drauf ist. Die Bulgaren sind also auch nett!

Jetzt ist erstmal Zeit für eine Mittagspause. In der nächsten Kleinstadt decke ich mich am Automaten mit bulgarischen Lev ein, dann geht es zum nächsten Imbiss. Die Bedienung versteht kaum Englisch und kein Deutsch, wir einigen uns auf Pommes Frites. Interessanterweise fragt sie nicht, ob ich Ketchup oder Majo will, sondern “Cheese, yes, no?”. Ich sag natürlich “Yes, please!” und bekomme Pommes mit geriebenem Schafskäse drauf. Auch lecker.

Ich bemerke ein Fahrrad, das vorne am Lenker eine Stihl-Kettensäge transportiert. Als der Fahrer kommt, frage ich, ob ich ein Foto machen darf. Wir kommen ins Gespräch. Er heißt Eliah. Ihm fehlen die Hälfte seiner Schneidezähne, der Rest ist in bedauernswertem Zustand. Bei uns ginge er als astreiner Obdachloser durch. Aber Überraschung. Er spricht sechs Sprachen (bulgarisch, russisch, rumänisch, serbisch, “Zigeuner” und deutsch), ist pensionierter Handwerker, schwört auf deutsche Maschinen, was anderes kommt ihm nicht unter, und seine Mutter lebte einst in Bielefeld. Er wünscht mir Glück für meine Reise.

Dann der zweite Platten. Die Baustelle hatte mir den Hinterreifen aufgeschlitzt und unter Druck hat sich der Schlauch, von mir unbemerkt, durch den Riss gedrückt. Das konnte nicht lange gut gehen. Ich flicke notdürftig und werde den Reifen bei nächster Gelegenheit austauschen müssen.

Abends dann im Hotel. Ich frage nach einem Zimmer. Kein Problem.
“Haben Sie ein Nichtraucher-Zimmer?”
“Das ganze Hotel ist ein Nichtraucher-Hotel.”
“Sehr gut.” Sie gibt mir den Schlüssel.
“Aber ein, zwei oder drei Zigaretten auf dem Zimmer sind kein Problem.”
“Ich möchte aber ein Zimmer, in dem nicht geraucht wurde.”
“Kein Problem, dies ist ein Nichtraucher-Hotel.”
Widerstand zwecklos.

Später gehe ich noch was essen. Hier werde ich mit einer anderen lustigen Eigenheit der Bulgaren konfrontiert. Sie schütteln den Kopf, wenn sie “ja” meinen und nicken bei “nein”. Ich hatte schon davon gehört.
Als ich bestelle, fragt mich der Kellner, ob ich auch Brot möchte. Ich nicke und sage “ja”. Er nickt und sagt “Kein Brot?” Oh, verdammt, dass kann kompliziert werden. Ich nehme mir vor, bei “ja” und “nein” einfach den Kopf ganz ruhig zu halten. Das ist schwieriger, als man denkt. Ungefähr so, wie bei diesem Spiel, bei dem in schneller Folge Fragen gestellt werden, die man aber nicht mit “ja” oder “nein” beantworten darf. Spiel verstanden? Reingefallen!

Das Essen war ausgezeichnet. Der Kellner kommt. Er fragt, ob es geschmeckt hat.
Gut gesättigt nicke ich zufrieden.