Jul 082013
 

Das Fenster zum chinesischen Konsul Eriwan, Armenien

113. Reisetag

5590 Kilometer

 

Ich dachte doch wahrhaftig, es sei eine gute Idee, während meines Aufenthaltes in Eriwan mal so nebenbei ein Visum für China zu beantragen. Weil mir klar war, dass die Visabestimmungen letztens verschärft worden waren, kam ich gut vorbereitet. Im Gepäck hatte ich

- einen Visumantrag ( 4 Seiten )
- einen Zusatz zum Visumantrag für Ausländer ( 2 Seiten )
- Bescheinigung einer Auslandskrankenversicherung ( 1 Seite )
- Bescheinigung des Arbeitgebers ( 1 Seite )
- Reiseplan ( 1 Seite )
- Flugbuchung ( 1 Seite )
- Hotelbuchungen ( 2 Seiten )

Am Freitag, dem Tag nach meiner Ankunft in Eriwan, stehe ich bei der chinesischen Botschaft auf der Matte. Schließlich hat sie werktäglich von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Ergebnis: heute keine Visaanträge, Montag wiederkommen.

Am Montag werde ich reingelassen. Der Besucherraum ähnlich einem Wartezimmer beim Arzt, circa 5 mal 6 Meter groß. Rechts eine Reihe Stühle, links ein Regal mit spannenden Berichten der letztjährigen Volkskongresse der kommunistischen Einheitspartei, in der Mitte ein Tisch, auf dem man seine Papiere sortieren kann und vor Kopf eine circa 2 Meter breite Trennscheibe mit kleinem Durchreicheschlitz für Unterlagen. Hinter der Scheibe nimmt der Konsul mit einem Mitarbeiter Platz.
Erstes Problem: man kann sich kaum verständigen, denn es gibt zwar eine Wechselsprechanlage, die funktioniert aber nicht. Also hält man sein Ohr in den Schlitz, hilft aber auch nicht viel. Als ich an der Reihe bin, schiebe ich meine Unterlagen durch den Gehörgang. Der Konsul schaut sie sich Seite für Seite genau an. Als er alle durch hat, fängt er wieder von vorne an. Das Ganze passiert gefühlte zehn Mal. Zwischendurch stellt er die ein oder andere Frage.
“Was ist das?”
“Eine Hotelbuchung.”
“Ah.”
Mich beschleicht das Gefühl, dass er Individualreisende wie mich, die zudem noch ein Visum in einem fremden Land beantragen, so lieb hat, wie Fußpilz.
Er sucht offensichtlich einen Grund, mich schnellstmöglich wieder los zu werden. Da er in den Unterlagen nichts findet, verlangt er jetzt von mir ein Schreiben der deutschen Botschaft, in dem diese alles Mögliche und Unmögliche bescheinigt, z.B. wo ich arbeite. Das ist natürlich völliger Blödsinn, denn woher soll die deutsche Vertretung in Armenien das wissen? Ich werde aber noch am gleichen Tag von unserer Botschaft mit einem schönen konsularischen Schreiben ausgestattet, in dem sie die chinesische Botschaft auch bittet, mich bei der Beantragung eines Visums zu unterstützen.

Nächster Tag: Dienstag. Ich bin direkt um 10:00 Uhr bei der chinesischen Botschaft. Allerdings lerne ich jetzt, dass der Konsul nur montags und donnerstags anwesend ist, um Visumanträge entgegen zu nehmen. Ich bitte den Angestellten, sich doch wenigstens das konsularische Schreiben anzusehen, ob es in Ordnung ist. Er liest es sich Wort für Wort durch und gibt sein ok. Die Entscheidung obliegt aber natürlich allein dem Konsul am Donnerstag.
“Wenn am Donnerstag mein Antrag akzeptiert wird, kann ich dann am darauffolgenden Montag das Visum erhalten?”
“Ja.”
Dann beginnt nämlich meine Trekkingtour in Georgien. Ich muss allerspätestens am Montag abreisen, und zwar mit meinem Pass, denn sonst komme ich nicht über die Grenze von Armenien nach Georgien.

Heute ist also Donnerstag. Heute kommt es drauf an. Wenn sie jetzt meinen Antrag nicht annehmen, habe ich verloren. Und was in den nächsten Stunden passiert, werde ich wahrscheinlich meinen Lebtag nicht vergessen.
Ich bin viertel vor zehn an der Botschaft. Diesmal sind schon zwei Damen vor mir da. Bisher war ich immer der Erste. Egal. Wir werden pünktlich eingelassen, aber der Konsul erscheint erst um halb elf. War beim letzten Mal auch so. Die beiden Mädels haben jede Menge Anträge und sonstige Angelegenheiten. Das dauert. Kurz vor elf schiebt mich der Konsul dazwischen. Er liest sich ganz langsam das Schreiben der deutschen Botschaft durch und ist offensichtlich zufrieden damit. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wenn ich jetzt aber gedacht habe, dass die Sache durch ist, bin schief gewickelt. Denn er beginnt wieder sein inzwischen bekanntes Spiel. Seite für Seite geht er die Unterlagen durch, hinten angekommen, fängt er vorne wieder an. Und beim x-ten Mal hat er dann was gefunden. Mein Flug nach China ist am 15. September von Frankfurt aus. Das geht nicht. Er kann mir ein Visum nur ausstellen, wenn ich von Eriwan fliege. Ich solle bei der Lufthansa den Flug umbuchen.
Das kann ich in einer Stunde, die mir noch bleibt, vergessen. Der Herr Konsul weiss das natürlich.
Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, diese Angelegenheit nicht mehr persönlich, sondern sportlich zu nehmen. Beim Tennis habe ich gelernt, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen nie aufzugeben. Wie oft hat schon jemand 0:5 zurückgelegen und trotzdem den Satz noch gewonnen. Das passiert bei Profis genauso wie bei Amateuren.
Spielen wir also Tennis!
Ich werde mir einfach ein neues Ticket besorgen.
Inzwischen sind drei Mädels mit mir im Raum. Sie haben alles mitbekommen und stecken die Köpfe zusammen. Dann gucken sie eine von ihnen aus:
“She can help you!”
Ist das nicht einfach unglaublich?
Sie heißt Lucy und arbeitet in einem Reisebüro. Wir nehmen ein Taxi. Glücklicherweise ist es nicht sehr weit. Vor dem Reisebüro sind noch ein paar Treppen zu erklimmen, dann sind wir da. Drinnen sitzen zwei Damen am Computer, eine offensichtlich die Chefin. Lucy erklärt alles. Ein Ticket soll 560 Euro kosten. Nur Barzahlung, keine Kreditkarte. Gebühren, falls ich den Flug später stornieren sollte, 128 Euro. Das Geld habe ich nicht dabei. Die Geldautomaten hier spucken nur relativ geringe Beträge aus und ich weiss nicht, wie oft ich an einem Tag Geld ziehen darf. Zu zeitaufwändig, zu riskant. Dann können sie mir leider nicht helfen. Es hat keinen Zweck woanders hinzugehen, also bleibe ich sitzen. Nun schlägt die Chefin vor, eine offizielle Reservierung eines Fluges vorzunehmen, das könnte reichen. Gute Idee. Dummerweise dauert diese Prozedur quälend lange, da fast alle Daten meines Personalausweises in das System eingegeben werden müssen. Schließlich ist es geschafft, die Bestätigung wird ausgedruckt und mit Stempel und Unterschrift versehen. Dann zurück zur Botschaft. Es ist bereits nach halb zwölf. Inzwischen sind vier Damen im Warteraum, ich muss etwas warten und werde um zwanzig vor zwölf dran genommen.
Der Konsul ist nicht mehr da, ab jetzt habe ich es nur noch mit dem Mitarbeiter zu tun. Er schaut sich die Reservierung an und ist zufrieden. Wieder plumpst ein Stein. Doch dann kommt er mir mit etwas ganz Abstrusem. Er kann leider kein Original akzeptieren, ich soll ihm eine Kopie einreichen. Ich sage ihm, dass ich das Original nicht benötige, kann es mir abfotografieren und der Flug ist sowieso im Computer gespeichert.
“Nein, Kopie!”
Noch skurriler wird die Angelegenheit dadurch, dass er selbstverständlich im Büro einen Kopierer stehen hat. Der darf aber nicht verwendet werden.
Ok, ich sehe es sportlich. Er ist zum Fußball gewechselt und hat Foul gespielt. Mehr ist nicht passiert. Spielen wir also Fußball!
Es ist zwanzig vor zwölf, ich mache mich auf die Suche nach einem Kopierer. Ich laufe aus der Botschaft und nehme eine Unterquerung der viel befahrenen Straße, an der die Botschaft liegt. Und in diesem Tunnel entdecke ich wahrhaftig einen ganz kleinen Laden, in dem ein Mann neben einem Kopierer sitzt. Ich kann mein Glück kaum fassen! Für 4 Cent bekomme ich die Kopie und schon geht es zurück zur Botschaft. Das hat keine fünf Minuten gedauert.
Ich präsentiere M. die Kopie. Ja, das ist in Ordnung, aber jetzt kommt er mit dem finalen Schlag. Die Flugbuchung sei ja für September, sie muss aber noch für diesen Monat, den Juli, sein.
Ich erkläre ihm, dass mir das Visum für die Einreise ja drei Monate Zeit läßt. Ich könnte also bis Anfang Oktober einreisen, ein Flug im September reicht. Er akzeptiert es nicht. Mit einem etwas zu überlegenen Lächeln sagt er zu mir:

“THESE ARE THE RULES!”

Und so wie es sich anhört, könnte man das Gefühl haben, er sei wieder in eine andere Sportart gewechselt:

“SCHACH MATT um viertel vor zwölf.”

Im Raum nun völlige Stille. Die vier Damen, die sich angeregt unterhalten hatten, sind verstummt. Sie schauen mich mitleidig an, ziehen Schultern und Augenbrauen hoch.

War’s das?

Nicht ganz! Wenn M. die Sportart wechseln kann, dann kann ich das auch. Jetzt kommt nur noch eine Disziplin in Frage: Formel 1. Hier werden die Rennen in der Box entschieden und ich werde jetzt einen Boxenstopp im Reisebüro einlegen. Also raus aus der Botschaft, auf der Straße ein PS-Monster aus dem sowjetischen Lada-Rennstall gekidnappt, zum Reisebüro gedüst, die Treppen hochgestürmt. Die Mädels warten förmlich schon.
“Die gleiche Schei… nochmal, nur für Juli.”
Sie verstehen sofort und kennen natürlich auch die Öffungszeiten der Botschaft. Sie hauen in die Tasten, positionieren sich an Drucker und Kopierer. Meine Daten sind noch alle im Computer, die Änderung der Reservierung ist ruckzuck erledigt. Ausdrucken, Kopie nicht vergessen, fertig. Mädels, Ihr seid Spitze! Draußen wartet der Bolide mit laufendem Motor und um fünf vor zwölf bin ich wieder in der Botschaft. Beim Einlaufen stehen die vier Damen Spalier. Damit hat M. augenscheinlich nicht gerechnet.
Was kann jetzt noch passieren?
Die Unterlagen wird er kaum noch ein weiteres Mal beanstanden können. Eigentlich bleibt ihm nur noch, die Ausfertigung des Visums bis Montag in Frage zu stellen. Und genau damit kommt er mir jetzt. Er murmelt was von Bearbeitungsdauer, Abwesenheit des Konsuls und noch alles Mögliche.
Wenn da diese Scheibe nicht wäre, ich würde mich auf der Stelle als Freistil-Ringer versuchen und sämtliche Würgetechniken ausprobieren.
Aber auch jetzt ist sofort wieder Hilfe zur Stelle. Unbemerkt haben sich die vier Mädels neben mir vor der Scheibe in Position gebracht. Klar, wenn die sich mit irgendwas auskennen, dann mit der Prozedur der Visumausstellung. Fehlt nur noch, dass sie mich zur Seite schieben, nach dem Motto:
“Mach mal Platz Junge, jetzt übernehmen wir.”
Drei der Damen diskutieren mit M., eine flüstert mir Übersetzungen, Tipps und Antworten ins Ohr. Wie alles hier, ist auch diese Geschichte nicht trivial. Es gibt den normalen Service (3-5 Arbeitstage), den Express Service (2 Arbeitstage) und den Rush Service (1 Arbeitstag). Allerdings unterscheiden sich diese nicht nur durch die zu entrichtenden Gebühren, sondern unter anderem auch durch die Unterlagen, die man einreichen muss. Nicht ungefährlich.

Man einigt sich auf den Express Service bis Montag für 48 Euro, die ich bei der HSBC Bank einzahlen muss. Mit der Einzahlungsquittung soll ich dann am Montag erscheinen und das Visum abholen können.

Wer’s glaubt!
.
.
.
Heute ist Montag,
heute war ich in der Botschaft,
heute bin ich ein Engländer.

Fußball ist, wenn die Anderen gewinnen.

Wie oft schon hat England entscheidende Spiele verloren, gerne und legendär auch im Elfmeterschiessen. Schade, wo sie doch gerade für ihr fairplay so berühmt sind. Heute fühle ich mit ihnen.

Besonders verbunden bin ich in diesem Augenblick mit David Beckham. Zu seinen guten Zeiten unbestritten einer der besten Fußballer der Welt. Nach seinem Motto gefragt, antwortete er einmal:
“Never give up. Never ever!”
Jetzt verlasse ich Schulter an Schulter mit David das Spielfeld. Wir haben alles gegeben.
“David, was war eigentlich Dein schönster Erfolg?”
“Das Champions League Finale 1999 in Barcelona: Manchester gegen Bayern München.”
“Da lagt Ihr doch bis zur 90. + 1. Minute 0:1 zurück und habt doch noch gewonnen. Du hattest beide Vorlagen zum 2:1 Sieg gegeben.”
“Never give up. Never ever!”
Ich schaue auf mein China-Visum und denke:
Heute bin ich ein Engländer.