Apr 182012
 

Mozart auf T-Shirt Salzburg

4. Reisetag

188 Kilometer

Ok, ich bin also in Salzburg. Salzburg ist die Mozartstadt. Ich aber habe eine andere Mission. Ich will zum ersten Mal im Leben diese berühmten Salzburger Nockerln (SN) probieren.
Als ich beim Campingplatz ankomme, frage ich als Erstes den jungen Typ an der Rezeption, wo man denn hier gut SN essen kann. Seine kurze Antwort: “Habe ich erst zwei- dreimal im Leben gegessen.” Wahrscheinlich will er mir damit mitteilen, dass er nicht gerade die beste Adresse für die von mir erbetene Auskunft ist. “Ich kann unmöglich nach Hause kommen, ohne die Dinger gegessen zu haben”, erwidere ich. Er gibt mir drei Adressen: das Sternbräu (sehr touristisch), den Roten Fuchs (deftige österreichische Küche) und den Zirkelwirt. Außerdem könnte ich mal im Cafe’ Bazar nachfragen, seinem Lieblingsort in Salzburg.
Am nächsten Morgen radle ich also erstmal zum Frühstück ins besagte Cafe’. Ein sehr schönes, altes österreichisches Cafe’, dass auch gut in Wien angesiedelt sein könnte. Es ist neun Uhr morgens und erstaunlich voll. Sehr gemischtes Publikum, jung und alt, Studenten und Professoren, Paare und Singles. Es gibt viele Zeitungen, das Frühstück ist ausgezeichnet. Beim Zahlen frage ich die Bedienung, ob sie auch SN haben, ich würde mit dem Gedanken spielen mittags oder abends wiederzukommen. Leider nein, aber ich könnte es im Sternbräu (sehr touristisch zum Zweiten) oder nebenan versuchen. Als sie “nebenan” sagt, nickt sie den Kopf über die Schulter und es hört sich an wie “bei der Armenspeisung”.
Jetzt gibt es erstmal das Pflichtprogramm: Mozarts Geburtshaus mit Ausstellung, die Festung Hohensalzburg, den Dom, den Mönchsberg, die Altstadt und was es sonst noch so zu sehen gibt. Mittags dann ins Sternbräu. Die touristische Hochburg entpuppt sich als ganz netter Biergarten. Ein Innenhof, der an zwei Seiten von alten Bogengängen gesäumt wird. Der Boden von schönem Kies bedeckt, mehrere große Bäume, unter denen die Tische Platz finden. Es ist keine Saison, noch ist es beschaulich. Das Publikum “international”. Die Amerikaner am Nachbartisch bestellen SN, später auch die Japaner einen Tisch weiter. Geliefert wird jeweils ein schaumiges Häufchen mit Puderzucker drauf. Sonst nichts, sieht lieblos aus. Ich beschließe, dass mein “erstes Mal” nicht hier stattfinden soll.
Bei der weiteren Stadtbesichtigung komme ich in der Fußgängerzone am Cafe’ Mozart vorbei, welches ausgiebig mi SN Werbung betreibt. Auf dem Foto sieht man zwei Häufchen mit Puderzucker, die ausgehängte Speisekarte stellt die Bedingung “Nur für zwei Personen”. Einen Augenblick überlege ich, die doppelte Portion zu vertilgen, verwerfe den Gedanken aber dann doch. Ich habe schließlich noch weitere Optionen. Ich suche die beiden anderen Campingplatz-Tipps auf. Der “Rote Fuchs” erweist sich als “Alter Fuchs”, hat aber keine SN. Den Zirkelwirt gibt es nicht mehr. Wahrscheinlich bot er keine SN an und ging deshalb pleite. Jetzt bleibt mir nur noch eins, das “nebenan”.
Dieses ist das genaue Gegenteil von der vermuteten Armenspeisung, es ist nämlich das Salzburger Sacher, eine Außenstelle des berühmten Wiener Sacher. Für mich Tourenradler vielleicht etwas zu fein, für mein Vorhaben aber optimal. Die Putzfrau (!) an der Eingangstür verrät mir, dass es SN gibt. Innen drin alles vom Feinsten. Kein Riesensaal, aber recht gediegen. An den Tischen nur alte Damen, ich senke den Altersdurchschnitt radikal. Gespielt wird Wiener Walzer. Hier bin ich richtig. Ich bestelle SN. Entsetzte Antwort der offensichtlich überraschten Kellnerin: “Wollen Sie das alleine machen?”. Jetzt bin ich überrascht. Zum einen passt dieser Satz so gar nicht in dieses Ambiente, zum anderen wollte ich die SN essen und nicht herstellen. Ich entscheide mich, mit einem einfachen “Äh, ja” zu antworten.
Sie sagt, dass sie erst in der Küche nachfragen muss, ob sie es auch für nur eine Person herstellen. Jetzt wir es interessant, denn ich lerne einiges über die Speise meiner Begierde. “Sie wird beim Essen immer mehr, das ist das Besondere. Dieser Schaum aus Eiweiß und Zucker bläht sich im Magen regelrecht auf. Das Sättigungsgefühl nimmt sehr stark zu.” SN bestehen IMMER aus drei Häufchen und werden traditionell mit Himbeerschlag (Schlag: Ösi für Schlagsahne) serviert. Das ist für Einen einfach zu viel. Als gewissenhafte Kellnerin müsse sie mich darüber aufklären. Sie verschwindet in der Küche und kommt mit der guten Nachricht zurück, dass sie extra für mich eine Einzelportion anfertigen werden. Was dann kommt, erfüllt meine Erwartungen voll und ganz: zwei schöne Häufchen, nett serviert in einer Backform auf Silbertablett mit einem großen Schälchen Himbeerschlag. Es schmeckt so gut wie es aussieht, es sättigt so sehr wie angekündigt. Danach muss ich pro Häufchen ein Schnäppschen trinken.
Mission erledigt, morgen kann ich weiterfahren.