Apr 262012
 

Sie gibt mir die Kugel. Grado

12. Reisetag

636 Kilometer

Ich nähere mich einem weiteren Höhepunkt meiner Tour. Es geht um Geld, es geht um Alkohol, es geht um eine, nein zwei italienische Familien! Ich bin in Friaul, dem Ursprungsgebiet einiger der besten Weine Italiens. Aber die interessieren mich heute nicht. Ich bin wegen des Grappas hier. “Grappa gibt’s für sowasvonwenig Geld beim Aldi”, werden einige von Euch sagen, “dafür braucht der Trottel nun wirklich nicht bis nach Italien zu strampeln.” Schon klar, aber das Zeug wird üblicherweise aus den Überresten von Weintrauben gebrannt. Alle möglichen Trester verschiedener Trauben werden zusammengekippt, der Resteverwertung zugeführt und das Ergebnis dann zur Entsorgung an Aldi, sowie an die Gastronomen ambitionierter Tennisvereine geliefert.

So wird es in ganz Italien gemacht. Ganz Italien? Nein, ein von einer unbeugsamen Familie bevölkertes Dorf leistet erbitterten Widerstand.

Hier im Örtchen Percoto befindet sich die älteste Grappabrennerei des Friaul. Seit mehr als hundert Jahren ist sie im Besitz der Familie Nonino, nunmehr in der fünften Generation. Die Noninos brennen ihren Grappa nicht aus Trester, sondern aus den ganzen Trauben einer einzigen Rebsorte. Und dazu verwenden sie nicht irgendeine, sondern Picolit. Kennen die meisten nicht, also hier noch ein wenig Klugsch… . Picolit wurde vor über 300 Jahren in Italien sehr geschätzt und zur Produktion des gleichnamigen Süßweines verwendet. Leider ist die Rebe sehr empfindlich und geriet irgendwann in Vergessenheit. Inzwischen wird Picolit wieder hergestellt. Sehr teuer, da nur in geringen Mengen und Lese nur von Hand. Und genau aus diesen Trauben brennen die Noninos ihren Grappa. Hört sich teuer an, ist auch so. Egal, heute will ich (1.) genau diesen Grappa (2.) an seiner Geburtsstätte (3.) bei den Erzeugern (4.) persönlich erstehen. Soweit die graue Theorie, in der Praxis kam mal wieder alles ganz, ganz anders…

Der Tag beginnt mit einem Schock. Denn heute ist der 25. April und das ist in Italien ein Feiertag, Festa della Liberazione. “Alles zu”, bringt es die Dame an der Hotelrezeption auf den Punkt. So schnell können große Pläne platzen. Egal, nun bin ich schon mal hier, jetzt fahr ich auch dahin. Das Dorf präsentiert sich bei der Einfahrt sehr gepflegt, links und rechts Bungalow-artige Häuser mit viel Rasen rundherum und der typischen mediterranen Nonne/Mönch Tonziegeleindeckung. Erinnert mich ein wenig an bessere Viertel in Florida. Den Leuten hier geht es augenscheinlich gut. Der Dorfkern sehr gepflegt, hübsch anzusehen, aber alles zu. Ich suche das Anwesen der Noninos. Nichts zu finden, mein Reiseführer von 2007 offensichtlich überholt. Ein Zeitungskiosk ist geöffnet, hier werde ich mich nach dem Weg erkunden. Im gleichen Augenblick hält ein dicker Mercedes neben mir und ein Herr mittleren Alters im Anzug steigt aus. Wunderbar denke ich, der kann bestimmt deutsch oder englisch. Pustekuchen, er deutet aber auf den Kioskinhaber und dieser erklärt mir dann sehr freundlich, wo es denn lang geht. Allerdings, gibt er zu bedenken, heute Feiertag, “alles zu”. Ich fahre weiter und endlich erreiche ich die Einfahrt zur Produktionsstätte der Noninos. Der Anblick sehr entmutigend. Ein circa acht Meter langes Stahltor versperrt die Einfahrt zu dem Gelände. Wie zu erwarten, völlige Stille, eben “alles zu”. Ich klingle trotzdem. Wie ebenfalls zu erwarten, passiert rein gar nichts. Was nun? In mir kommt der Ingenieur durch. Mangels Alternativen untersuche ich die Wechselsprechanlage. Funktioniert sie überhaupt? Gibt es eine Videofunktion? Ich drücke auf allen Knöpfen rum, versuche verschiedene Kombinationen. Da, lautlos und fast unbemerkt geht plötzlich das Tor auf. “Uups” schießt es mir durch den Kopf, “war ich das?”. Nichts wie rein! Nach 50 Metern komme ich zu einer Tür, die offensichtlich zu einem Büro oder Verkaufsraum führt, allerdings verschlossen. Zwischenzeitlich schließt sich das Tor hinter mir wieder. Ich bin in Hochstimmung und fühle mich wie ein Kind, dass in der Spielzeugabteilung eines Kaufhauses über Nacht eingeschlossen ist. OK, wo soll ich anfangen? Gerade will ich loslegen, da kommt eine Frau um die Ecke. Der getigerten Hose nach zu urteilen, ist sie auf keinem Fall Signora Nonino. Sie begrüßt mich sehr herzlich, fast überschwenglich, deutet mir, mein Fahrrad mitzunehmen und führt mich dann zu einem Hintereingang. Wir gehen durch eine menschenleere Halle, die offensichtlich die Flaschenbfüllung und Verpackung beherbergt und gelangen dann zu einem Büro mit kleinen Verkaufsraum. An der Wand ein großes Foto der aktuellen Nonino-Generationen, in einer Glastür ein aufwendiger, ungewöhnlicher Stammbaum eingearbeitet. Man legt offensichtlich Wert auf Tradition. Auf dem einzigen Tisch circa zwanzig Flaschen Hochprozentiges auf zwei Tabletts, dazu noch etliche in zwei Schränken. Alles recht kultiviert.
Die Tigerlady, offensichtlich sehr guter Laune, spricht nur italienisch (einzige Ausnahme später), gibt mir zu verstehen, dass heute eigentlich tutto chiuso ist, sie das Büro hütet, sich mit den Getränken nicht so gut auskennt aber mir dennoch behilflich sein möchte. Ist mehr als ich erwartet habe und ich weiß, was ich will. “Picolit” sage ich. Sie antwortet: “Ahh, Picoliiit!” holt eine Flasche, schenkt ein, hält das Glas in Luft und ruft ihren kompletten englischen Sprachschatz ab: “The King!”. Wir verstehen uns. Das Glas ungewöhnlich voll, mehr als man in jeder Kneipe bekommt, wenn man eine Doppelten bestellt. Während ich mich darüber her mache, rennt sie davon und kommt kurz drauf mit einer Packung Schokoladenkugeln wieder. Außen Lindt, innen Nonino, entnehme ich ihrem Wortschwall und sie macht mir auch gleich vor, wie man sie essen muss. Bloß nicht reinbeißen, sondern komplett vertilgen, sonst gibt’s Sauerei. Die Dinger sind aber wirklich gut, und während ich mir noch Gedanken mache, warum sie die jetzt auftischt, holt sie schon die nächste Flasche und schenkt ordentlich ein. Sie reicht mir das Glas, umklammert den schmalen Hals der Flasche mit ihrer Hand, stößt mit dem Bauch der Flasche mit meinem Glas an und ruft sowas wie “Prost!”. Einen Augenblick befürchte ich, dass sie nun einen ordentlichen Schluck aus der Pulle nehmen wird, was aber nicht passiert. Dann hoffe ich, dass es hier keine Überwachungskamera gibt, denn wenn Nonino der V. dieses Bild zu Gesicht bekäme, könnte die gute Frau glatt ihren Job los sein. Nun reicht sie mir einen Prospekt des Hauses. Was ich nicht wußte, ist, dass Nonino Grappa aus verschiedenen Trauben herstellt, eben nicht nur aus der Picolit-Traube, sondern auch aus Fragolino, Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc und etlichen anderen. Und die muss ich jetzt alle nacheinander probieren. Widerstand zwecklos. Um rauszufinden, wer mir dass hier antut, erkundige ich mich nach ihrem Namen. Sie heißt Giannoletta, oder so ähnlich. Als die Test-Reihe durch ist, will ich die günstige Situation nutzen. Ich entscheide mich für die Picolit-Version und bedeute G., dass ich eine Flasche nehme. Sie läuft ins Lager, kommt mit einem Karton wieder und sagt, dass sie nun ihre Tochter anrufen muss, die die weitere Abwicklung mit mir in Englisch besprechen soll. Die Tochter heißt Elisabetta. Sie macht sich Sorgen, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Die Nonino- Flaschen seien mundgeblasen und deutlich zerbrechlicher als normale Flaschen. Erst als ich ihr den sicheren Transport zusichere, kommt sie zu den Zahlungsmodalitäten. Heute sei ja “alles zu”, auch die Kasse, und Mutter könne sowieso nicht mit dem Kreditkartenlesegerät umgehen. Wir vereinbaren Barzahlung. Dann fragt sie mich, ob ich auch alten, lang gelagerten Grappa mag. Ich bejahe wahrheitsgemäß. Sofort instruiert sie ihre Mutter und die schenkt gleich wieder ordentlich ein. Ich habe mittlerweile sechs oder sieben Schnäpse intus und kann unmöglich noch so eine Testreihe durchstehen. Nach nur zwei Gläschen entscheide ich mich für eine Flasche alten Picolit. G. verschwindet wieder im Lager, diesmal dauert es ungewöhnlich lange. Endlich habe ich etwas Zeit. Ich mache mich über Lindt mit Nonino und die Broschüre her. Zu meinem Entsetzen muß ich nun feststellen, dass alles, was ich bisher getrunken habe, aus Trester hergestellt wurde! Trester aus Picolit, Trester aus Schioppettino, Trester aus Ribolla Gialla, Trester aus Savignon Blanc, und so weiter, und so fort. Möglicherweise ist Grappa ein geschützter Begriff und wird immer aus Trester hergestellt. Das was ich suche, heißt hier jedenfalls gar nicht Grappa, sondern “Ùe Nonino Cru Monovitigno”. Ùe ist friulisch und heißt Traube, Monovitigno bedeutet, dass sie jeweils nur eine Traubensorte zum Brennen verwenden. Man ahnt es schon, es gibt ein halbes dutzend Trauben zur Auswahl. Als Giannoletta wieder erscheint, erkläre ich ihr mit letzter Kraft “Ganze Zeit falsch getrunken.” Sie versteht logischerweise nichts, also füge ich hilfesuchend hinzu: “Elisabetta anrufen.” Gesagt, getan. Als erstes frage ich E., ob sie sich mit den zur Wahl stehenden Getränken auskennt. Klar doch, sie arbeitet auch bei Nonino. Das beruhigt. Ich vermute sogar, sie ist hier die Verkaufskanone, denn zum Beweis ihrer Kenntnisse erzählt sie mir, dass bei der letzten Wahl der weltweit besten Spirituosen Nonino auf Platz fünf kam und unter den ersten fünfzig nur ein einziger Grappa war, natürlich von ihnen. Mir gefällt, wie begeistert Mutter und Tochter von den Produkten ihrer Firma sind, sei es nun Schnaps oder Schokolade. Ich erkläre E., was ich suche. “Ausgezeichnete Wahl”, ruft sie in den Hörer, sie haben den Ùe allerdings nicht aus der Picolit-Traube. Gibt’s nur in extrem geringen Mengen, jeweils in einer Jahresedition, mit hochwertiger, jedes Jahr von einem anderen berühmten Künstler gestalteten Flasche, immer sofort ausverkauft, bestimmte Jahrgänge werden bereits bei Sotheby’s zu Mondpreisen versteigert. Aber die anderen Trauben seien auch ganz hervorragend. Ich gebe ihr zu verstehen, dass Mutti mich bereits komplett abgefüllt hat und bitte sie, mir der Einfachheit und der Verkehrssicherheit halber einen Traubenbrand zu empfehlen. “Unmöglich”, sagt sie, alle haben ihren eigenen Charakter und den muss ich selbst probieren. “Ich möchte ein schönen weichen”, versuche ich es. “Weich sind sie alle”, kommt es zurück. Zweiter Versuch. “Welche Traube ist typisch für die Region?” Hier gibt es nur eine Antwort:”Fragolino”. Treffer! Sie möge doch ihrer Mutter erklären, mir davon ein Fläschchen ohne weitere Degustation zu verkaufen. Es entwickelt sich ein erstaunlich langes, temperamentvolles Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Nachdem G. aufgelegt hat, geht sie zum Schrank, holt das Getränk der Wahl und füllt ein Glas in gewohnter Manier. Nach dem Motto “hier wird nichts gekauft, was nicht vorher auch getrunken wurde”, ergebe ich mich zum letzten Mal meinem Schicksal. Die weitere Abwicklung ist dann schnell erledigt, die Verabschiedung herzlich. Ich bin froh, dass Mutti mich nicht in die Backen kneift. Jetzt möchte ich nur noch wieder hinter das Tor und durchatmen. Aber so leicht läßt G. mich nicht gehen. Sie besteht darauf, dass ich noch auf dem Firmengelände und unter ihrer tatkräftigen Mithilfe die Flasche sicher in einer Packtasche verstaue.

Dann endlich schließt sich das Tor lautlos hinter mir und ich bin wieder frei!