Jun 292012
 

Die Fähre mit der freundlichen Besatzung über das Stettiner Haff Ückermünde

4. Reisetag

263 Kilometer

Wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, kommt man ja eher durch ländliche Gegenden und kleine Orte. Genau hier, so heißt es oft, sei vom Aufbau-Ost noch nicht viel angekommen. Nun bin ich mit dem Drahtesel auf bisher vier Rad-Touren durch Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, also die drei wirtschaftlich schwächsten neuen Bundesländer, gekommen und mein Fazit lautet: “flächendeckender Aufbau-Ost: ja, flächendeckender Aufschwung-Ost: nein.” Gut, vom flächendeckenden Aufschwung kann auch im Westen keine Rede sein, Städte wie Oberhausen oder Gelsenkirchen können ein Lied davon singen. Und während dort eher abgebaut wird, wird im Osten für jeden sichtbar allerorts aufgebaut. So fährt man z.B. auf dem Radweg von Berlin nach Usedom endlose Kilometer durch Wälder und Wiesen auf 2-Meter-breiten asphaltierten Radwegen höchster Qualität. Ob es wirklich Asphalt sein muss, darüber scheiden sich die Geister. So ist der ADFC pro Asphalt, während der alternative Verkehrsclub VCD eher dagegen ist. Ich bin der Meinung, man sollte Asphalt nur dort einsetzen, wo er “hingehört”. Auf urbanen Fahrradwegen, die z.B. für den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen verwendet werden, ok. Aber im Wald, wo Freizeit-Radler ihren Sport betreiben und die Natur genießen wollen, dort ist Asphalt fehl am Platz.

Jedes Mal, wenn ich durch diese “neuen” Landschaften fahre, frage ich mich, wer das alles in Zukunft pflegen und unterhalten soll. In West-Deutschland sind die Kommunen so klamm, dass reihenweise Schwimmbäder geschlossenen werden, öffentliche Plätze und Radwege verfallen und selbst die Lobby-starken Autofahrer ihre Schlaglöcher nur noch schleppend gestopft bekommen. Wie sollen das in Zukunft nur die ostdeutschen Kommunen stemmen.

Von Ückermünde nehme ich die Fähre nach Kamminke auf Usedom. Die Fahrt dauert eine Stunde und zwanzig Minuten. Das Schiff ist ausgelegt für circa 50 Personen, Fahrräder werden auf dem Bug verstaut. Betrieben wird das Ganze von zwei Männern, schätzungsweise auf die 60 zugehend. Sehr angenehme Zeitgenossen, alteingesessene Ückermünder, witzig und redselig. Der eine sowas wie der Kapitän, der andere eine Art Bootsmann. Zuerst komme ich mit B. ins Gespräch. Er verrät mir eine alternative, sprich kürzere und schönere Radroute von Kamminke nach Ahlbeck. Diese Route führt durch Swinemünde in Polen, und so komme ich auf meiner Tour unverhofft doch noch “beim Polen” vorbei. Sehr schön! Keine Ahnung, warum mein Reiseführer diese Variante verschweigt.

Ich besuche den Kapitän in seiner offenen Steuerkabine und halte ein Schwätzchen mit ihm. Ungefragt bietet er mir an, das Steuer zu übernehmen, und so finde ich mich urplötzlich als Fährmann mitten auf dem Stettiner Haff wieder. Irgendwie so, als wenn einem in einer irischen Bar vom Barkeeper der Guiness-Zapfhahn überlassen wird (auch schon passiert).

Jetzt möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich mit diesen beiden sympathischen, alten “Ossis” über ihre Heimat und den Aufbau-Ost unterhalten, den sie schließlich hautnah erleben. Das Ergebnis erstaunt mich. Man ist gewohnt, dass “Wessis” was auszusetzen haben, aber die hier legen so richtig los. Zwei Beispiele.

In einem nahegelegenem Dorf wird an einer Kreuzung eine aufwendige Ampelanlage mit allem drum und dran errichtet. Nun ist hier leider das Verkehrsaufkommen derart gering, das nicht einmal ein Kreisverkehr, geschweige denn eine Ampelanlage gerechtfertigt wäre. Verwundert wird der Bürgermeister zur Rede gestellt, seine kreative Antwort lautet:” Durch diese Ampel werden Autofahrer angehalten und können sich anschauen, was wir hier Schönes geschaffen haben.” Eine sinnlose Ampel als Verkehrshindernis, den Autofahrer und Steuerzahler wird’s freuen.
Das zweite Beispiel betrifft die Arbeit der beiden direkt. Aufwendig wurden die Häfen am Stettiner Haff erneuert. Leider hat jetzt die Stadt Kamminke kein Geld, ihren Hafen zu unterhalten. Er versandet zunehmend. Für das notwendige Ausbaggern der Fahrrinne fehlen die Mittel. Wenn bei Südwind das Wasser aus dem Haff in die Ostsee gedrückt wird, ist der Pegel schon so niedrig, dass sie nicht mehr fahren können. Zudem wurden zwei der vier Fahrwasser-Tonnen eingespart. Einige Segler sind dadurch schon auf Grund gelaufen. Bei der letzten Rettungsaktion verlor eine Frau durch einen Unfall bei der Bergung ihr Augenlicht. Meine Gesprächspartner fragen sich, warum nicht weniger Häfen ausgebaut wurden, die dann aber auch vernünftig unterhalten werden.

Und so ist es auch hier, wie so oft im Leben: manchmal ist eben weniger mehr!