Apr 302018
 

Früher war ich Atomkraftgegner.
Jetzt nicht mehr.
Die Franzosen haben mir gezeigt, wie man’s richtig macht.
Das hat mich überzeugt.

Zu meiner Entschuldigung, die Vorgeschichte.
Es war das Jahr 1975, als wir ein Atomkraftwerk besuchten. Wir, das ist der Leistungskurs Physik des Goethe Gymnasium in Bochum. Es war gerade Teilchenphysik dran und wir hatten gelernt, wie Kernspaltung funktioniert, wie dadurch nukleare Strahlung entsteht und was für Auswirkungen diese haben kann. Atombombe kannte ja jeder, aber das auch der Atommüll aus den Kernkraftwerken hunderttausende von Jahren gefährlich strahlt und daher extrem gefährlich ist, das lernten wir erst jetzt. Zu unserem Erstaunen kippten zu Beginn des Atomzeitalters die Amis ihren strahlenden Müll noch ins Meer oder verbuddelten ihn in der Wüste. Schnell haben sie gemerkt, dass das keine so gute Idee war.
Anfängerfehler.
Kann schon mal passieren.
Nun wollten wir aber wissen, wie unsere gute deutsche Atomindustrie das Müllproblem gelöst hat. Unser Lehrer, kein Sponti, 68-er, oder sowas, immer mit Anzug und Krawatte, ganz alte Schule also, organisierte den Besuch. Und wie immer bei solchen Besichtigungen von Nuklearanlagen, bekommt man von dem Kernkraftwerk rein gar nichts zu sehen. Es gibt einen Show Room mit einen aalglatten Strahlemann. Der hält einen Vortrag, das war’s.
Danke für den Besuch. Noch Fragen? Keine. Auf Wiedersehen.
“Halt. Stop. Eine Frage hätten wir. Was passiert mit dem Atommüll?”
Die Antwort, deutlich, lässt keine Frage offen.
Mister Aalglatt antwortet (im übertragenen Sinne): “Mein Porsche hat 300 PS und macht 280 Sachen. Was hinten aus dem Auspuff rauskommt ist mir egal.”
Von einer auf die andere Sekunde gab es in Deutschland 30 neue Atomkraftgegner.
Tja und heute muss ich Abbitte leisten. Damals dachten wir noch, was für ein arroganter Proll, heute wissen wir, der Mann war ein Visionär! Denn 42 Jahre nach diesem denkwürdigen Besuch ist im letzten Jahr die Atomindustrie die Verantwortung für den Atommüll an die Bundesregierung losgeworden. Das wußte der Kerl damals schon. Chapeau!
Aber wie haben die das geschafft? Wie so häufig im Leben sind die einfachsten Dinge manchmal die genialsten. Die Jungs von EON und Co spalten einfach ihre Firmen auf in “Alte Kameraden” und “Junge Kameraden”. Dann gehen sie zu Mutti und sagen
“Mutti, du weißt ja, unsere alten Kameraden haben nicht mehr lange. Und sie haben nur wenig in ihre Rente gesteckt. Also das mit dem Atommüll, das schaffen die auf ihre alten Tage nicht mehr. Die ganzen Subventionen sind weg, die Gewinne schon verteilt und den jungen Kameraden können wir das unmöglich aufbürden.”
Und Mutti sagt: “Wenn eins in Deutschland sicher ist, dann ist es die Rente.”
Und so übernimmt die Bundesregierung für einen kleinen Bruchteil dessen, was die Atomindustrie an Subventionen bekommen hat (von den Gewinnen ganz zu schweigen) den gesamten vorhandenen und in Zukunft noch entstehenden Atommüll.
Die smarten Jungs der Industrie hätten natürlich noch lieber den Müll billig an einen zuverlässigen ausländischen Entsorger abgegeben. Da ist aber ein Gesetz vor, das den Export von Atommüll untersagt.
Nun aber, da das Zeug uns, also uns allen gehört, sollte man diese unsinnige Selbstbeschränkung doch noch mal überdenken. Warum ausgerechnet in unserer schönen, dichtbesiedelten Heimat das gefährliche Zeug verbuddeln? Da gibt es auf der Welt doch viel besser geeignete Plätze. In der ehemaligen Sowjetunion sind einige Gegenden schon so verstrahlt, da fällt das bißchen deutscher Müll kaum auf. Oder in Tschernobyl, da bauen sie doch gerade diesen Sarkophag für das explodierte Atomkraftwerk (dumme Sache das), da passen bestimmt noch ein paar tausend Tönnchen von unserem Zeug drunter. Oder in Fukushima, wo sich gerade die außer Kontrolle geratenen Brennstäbe in den Boden schmelzen (auch nicht schön), da könnten wir doch flugs noch etwas Atommüll zukippen, dann schmilzt der auch gleich mit weg.
Also das Entsorgungsproblem kann somit ja wohl als gelöst betrachtet werden.
Bleibt immer noch die sprichwörtliche “German Angst” vor irgendeinem Atomunfall. Diese ist natürlich völlig unbegründet, denn schon der Belgier zeigt uns ja, dass man selbst ein Kernkraftwerk mit tausenden Rissen in der Hülle des Reaktorbehälters vollkommen sicher betreiben kann.
Und trotzdem haben sich unsere fürsorglichen Atomstromerzeuger weiterhin intensiv bemüht, jedes auch noch so kleine Risiko abzusichern. So standen sie beim netten Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer auf der Matte.
“Sag mal Kaiser, Du kannst doch unsere Atomkraftwerke versichern, oder?”
“Ne”, sagt der. “Wenn da mal was passiert, lieber nicht. Und überhaupt, die Prämie wäre ja so hoch, da würde Euer schöner Atomstrom so teuer, den kauft ja dann keiner mehr.”
“Haste recht Kaiser, war ja eigentlich auch ne dumme Frage.”
Und der Kaiser dann: “Wenn wirklich mal was passiert, dann findet sich schon Einer, der zahlt.”
„Stimmt auch wieder.“
Und so stehen weltweit alle Atomkraftwerke unversichert in der Gegend rum.
Weltweit?
Nein, ein unbeugsames, kleines Land, Gallien genannt, hat eine Lösung gefunden.
Wenn schon die störrischen Versicherer zu feige sind, dann holen wir uns halt den Schutz von oben. Und wenn ich oben sage, dann meine ich auch oben. Und zwar ganz, ganz oben.
Ein Schutzpatron, ein echter Heiliger muss her. Und so fand man nach langer Suche Saint Alban. Flugs wurde ein Kernkraftwerk nach ihm benannt, jetzt kann nichts mehr schief gehen. Wie stolz wäre der Heilige Alban, wenn er wüsste, dass er heute für so ein Wunderwerk der Technik Pate stehen dürfte.
Ulkigerweise wurde der (damals noch Heilige-in-spe) Alban um das Jahr 406 von Mainz nach Gallien geschickt, also genau meine Route. Wenn das mal kein Zufall ist.
Sankt Alban gilt als Schutzpatron für alles Mögliche, z.B. Harnwegserkrankungen. Nun wird der Ein- oder Andere einwenden, dass derlei Fähigkeiten keine ausreichende Qualifikation für den Schutz eines Atomkraftwerkes seien.
Ja Moment, damals im 5. Jahrhundert endeten solche Krankheiten gerne tödlich. Heutzutage gibt es was von Ratiopharm dagegen.
Es ist also an der Zeit, der Liste der Schutzfähigkeiten verdienter Heiliger einen Update zu verpassen. Und mit Updates kennen wir uns ja aus, siehe Diesel…, ne schlechtes Beispiel.
Egal, hier meine Vorschläge für Schutzpatron Sankt Alban reloaded:

Mainz
Tut mir leid ihr Mainzer, aber ihr habt ja noch nicht mal ein Kernkraftwerk. Sucht Euch einen neuen Patron.
Updaten auf Fukushima, Tschernobyl, ja eigentlich alle AKW- Standorte.

Bauern
Ihr Bauern habt genug Schutzpatrone. Besser in diesem Falle Ingenieure, Techniker und ganz wichtig ihre totale Unfehlbarkeit.

Unwetter
Dürre, Überschwemmungen, Erdbeben ok, aber unbedingt erweitern auf Flugzeugabstürze und was sonst noch alles vom Himmel fallen kann.

Pest
Die Pest von heute, Terroranschläge, Hackerangriffe, die ganze Achse des Bösen. Ja und Viren, alle Arten von Viren.

Epilepsie
Kriegt ein Atomkraftwerk nicht. Ersetzen durch Explosionen innen und außen.

Hals- und Kopfschmerzen
Das passt schon, aber ergänzen um Schilddrüsenkrebs, Leukämie. Ach wenn schon, dann alle Krebsarten.

Harnweg
Kann so bleiben. Das ist beim AKW der Kühlkreislauf und der ist ganz wichtig.

Nach so einem Update kann wirklich nichts mehr passieren!
100 Prozent!

Und für Deutschland?
Man könnte meinen Schutzpatronen nehmen. Apostel Andreas. Näher oben dran geht ja gar nicht. Und der ist echt gut, der kann auch Kernkraft.
Es müssen aber nicht immer A-Promi-Heilige sein. Für uns reichen vielleicht auch schon C-Promi-Möchtegern-Heilige. Zum Beispiel könnten wir Atomkraftwerke wie Brokdorf, Biblis und Grundremmingen umbennen in:

Heilige Jungfrau Angela (geht bald vom Netz …)

Sankt Sigmar (bereits abgeschaltet …)

Heiliger Helmut (überstrahlt alles …)

Ok, ok, ich hör ja schon auf.
Aber ein schönes Gefühl, wenn alles in guten Händen ist.