Apr 122018
 

Straßburg

4. Reisetag

262 km

Wer hätte gedacht, dass das mal unsere Jugend über unser Europäisches Parlament in Straßburg sagt.

Obwohl, es war nicht „über“, sondern „im“ Parlament.

Von vorne. Da das schöne Straßburg auf meinem Weg liegt, möchte ich natürlich auch eine große europäische Errungenschaft, nämlich das „Parlement européen.“ erkunden. Schon vor der Reise frage ich per Email nach einer Besuchsmöglichkeit. „Besichtigungen nur während der Sitzungswochen.“ heißt es kategorisch. Leider sind aber in der Zeit meines Aufenthaltes keine Sitzungen. Pech. Allerdings habe ich solchen pauschalen Absagen noch nie getraut, sie dienen eher meiner Motivation.
„Ich würde aber trotzdem gerne.“ schreibe ich zurück.
Funkstille.
Und als ich dann schon unterwegs bin, kommt tatsächlich noch eine sehr nette Email, dass ich mich heute um 12:00 Uhr einer deutschsprachigen Gruppenführung anschließen kann. Ganz, ganz wichtig: Ausweis mitbringen.
Rund um das Parlamentsgebäude ist einiges los. Jugendliche Gruppen italienischer, holländischer, schweizer, französischer und sonstiger Nationalität sind unterwegs. Aha, heute ist wohl internationaler Schulausflug, da ist dann auch klar, welcher Gruppe ich mich anschliessen darf.
Zuvor aber ist es gar nicht so leicht, überhaupt ins Gebäude zu kommen, denn erstens sind heute keine Einzelbesucher zugelassen und zweitens habe ich keine formgerechte Reservierung vorzuweisen. Die Sache ließe sich relativ leicht aufklären, da die Security bestens Englisch spricht. Da ich mich hier aber in Frankreich befinde und mich hartnäckig weigere Englisch zu sprechen, wird die Sache mit meinem Babbel-Französich für die bemühten Angestellten fast aussichtslos. Da wird ihnen unerwarteterweise Hilfe in Gestalt von Miri zuteil. Sie ist die sympatische junge Frau, mit der ich im Vorfeld die Emails ausgetauscht habe. Sie lotst mich rein, durch mehrere Security Checks und Kontrollen mit allerlei Problemen und Erklärungsbedarf, denn ich bin allein, habe kein Badge, kein Formular, nichts. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, was ich Miri für ihr Entgegenkommen doch für einen Aufwand bereite. Erstaunlicherweise durchlaufe ich auf diese Weise sämtliche Schleusen, ohne auch nur ein einziges Mal meinen Ausweis vorgezeigt zu haben (aber bitte nicht weitersagen). Nachdem wir durch das halbe Areal von der Größe eines Flughafens gelaufen sind, treffen wir endlich auf meine bereits anwesende Gruppe. Es sind drei Berufsschulklassen mit sechs Lehrern und Lehrerinnen. Zusammen sind sie 49, ich bin Nummer 50.
Dann geht es los, die Gruppe einigermaßen still, Miri erhebt die Stimme.
Sie hat noch keine zwei Wörter gesprochen, da ruft ein Mädel:
“Sie spricht deutsch, geil!”
Freude im Publikum.
“Ohne Akzent!”
Wie einfach man unsere Schüler doch glücklich machen kann.
Der erste Tagesordungspunkt findet in einem runden Raum mit 50 Sitzen, in zwei Kreisen angeordnet, statt.
Miri kündigt an, dass wir einen Film über die Arbeit des europäischen Parlaments sehen werden.
Kollektives Stöhnen.
Dann eröffnet Miri, dass der Film in 360 Grad Technik gezeigt wird.
“Alter, wo sind wir gelandet? Voll geil!”, eine Reaktion aus dem Publikum.
Wie nah Verzweiflung und Glückseligkeit in der menschlichen Seele beeinander liegen, offenbart auch die nächste Frage:
“Den Film gibt es in einer kürzeren und einer etwas ausführlicheren Version. Welche wollt ihr sehen?”
“Kurz!” schallt es unisono durch den Saal.
Glücklicherweise fragt eine der Lehrerinnen, wie lang die beiden Filme denn seien.
“Achteinhalb und 13 Minuten.”
Lehrerin (diktatorisch): “Dann nehmen wir lang.”
Schülerin (erleichtert): „Oh Gott, ich hab schon gedacht, der dauert eineinhalb Stunden.“
Andi (nachdenklich): warum in aller Welt, bieten die überhaupt so eine Auswahl an?
Und so gäbe es noch endlos zu berichten und zu erforschen über die Spezies Schüler, z.B. warum sie ständig und immer Selfies und Selfie-Videos macht und dies wichtiger, als alles andere scheint.
Nach dem Film geht es im Programm nun mit der Besichtigung des riesigen Plenarsaales weiter. Wir haben Glück, denn wir können ihn bei der Arbeit beobachten. Es ist „Euroscuola“, eine Art Jugendparlament und alle Simultanübersetzer sind bei der Arbeit. Sehr interessant.
Zum Schluss noch einmal sammeln vor den aufgereihten Flaggen aller EU-Mitgliedsstaaten.
Miri fragt:“Wer hat aufgepasst, wieviel Mitgliedsstaaten hat die EU?“
Alle schauen betreten zu Boden.
Eine traut sich:“14?“
„Nein 28.“
Nun werden wir darauf hingewiesen, dass wir bei unserem Besuch noch ein historisches Foto machen können. In 2019 wird UK aus der EU ausgetreten sein und die Flagge entfernt werden. Noch kann man sie hier fotografieren.
Davon wird ausgiebig Gebrauch gemacht und zum Schluss stellen sich alle Berufsschüler zu einem Gruppenfoto vor den Flaggen auf.
Naiv, wie ich bin, mache ich auch ein Foto, so zum Andenken.
In diesem Augenblick kommt eine ältere Lehrerin auf mich zu und fragt mich, warum ich die Gruppe fotografiere.
„Ein Erinnerungsfoto“ erwidere ich.
„Aha, aber nicht, dass sie das ins Internet stellen.“
„Was glauben Sie denn, was Ihre wild um sich knipsenden und filmenden Schülerinnen und Schüler mit ihren Fotos machen? Zum Entwickeln bringen und dann ins Poesiealbum kleben?“
Aber ich kann ihre Befürchtungen zerstreuen.
“Ich veröffentliche nichts im Internet. Ich stelle alle Fotos ins Darknet, da kann sie niemand sehen.”
Das sage ich nicht wirklich, denn wahrscheinlich würde die besorgte Dame sofort zur Security laufen und dann, ja dann müßte ich womöglich wirklich noch meinen Ausweis vorzeigen!
Nein, das will ich nicht.